Zwischen Schein und Sein
Zum Jahresende machen viele Rückblick.
Was war gut, was war schlecht, was nehme ich mir fürs nächste Jahr vor.
Ich merke: Diese Art zu schauen greift für mich gerade nicht.
Mein Jahr endete in einem inneren Scherbenhaufen. Ich schreibe das nicht, um es in den Mittelpunkt zu stellen, aber auch nicht, um es zu verstecken. Es ist der Punkt, von dem aus mir eine andere Art des Rückblicks möglich wird.
Nicht bewerten. Nicht abrechnen. Nicht reparieren.
Stattdessen einfach sehen, was war.
Wo es eng wurde.
Wo Anstrengung längst zur Gewohnheit geworden ist.
Wo ich weitergemacht habe, nicht aus Klarheit, sondern aus Angst, aus Druck, aus einem Bild davon, wie ich sein sollte.
Ohne mich dafür schuldig zu sprechen.
Ohne mich dafür zu entschuldigen.
Vielleicht geht es beim Rückblick nicht darum, etwas aus der Vergangenheit zu lernen, sondern ihr endlich nichts mehr aufzuzwingen. Keine Bedeutung. Keine Moral. Keine Verbesserung.
Enttäuschung fühlt sich dabei nicht wie ein Fehler an, sondern wie ein Aufwachen. Ein Moment, in dem etwas nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Nicht, weil es zu schwach war, sondern weil es nicht wahr war.
Ich übe mich gerade in einer stillen, präzisen Ehrlichkeit.
Nicht: Was habe ich falsch gemacht?
Sondern: Was ist tatsächlich geschehen?
Nicht: Was lerne ich daraus?
Sondern: Was sehe ich jetzt klarer, ohne es festzuhalten?
Vielleicht beginnt Würde genau hier:
Nichts beschönigen.
Nichts verurteilen.
Und nichts mehr von sich verlangen.
So war es.
Und das darf genügen.

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